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Wildtierlebensräume

Die Landschaft Baden-Württembergs ist vielseitig und abwechslungsreich. Weite Ebenen der Gäulandschaften, verbunden mit den Stromtälern von Rhein, Donau und Neckar, wechseln sich mit den bewaldeten Mittelgebirgslandschaften ab und reichen im Süden mit den von Gletschern überformten Regionen bis an den Alpenrand. Das Land bietet dem Menschen gut bebaubares Ackerland, auf dem auch anspruchsvolle Kulturen wie Wein- oder Obstbau gelingen. Großzügige Waldgebiete liefern wertvolle Holzprodukte und laden die Menschen ein, sich zu erholen und die Natur zu genießen. So auch der Bodensee, zahlreiche andere Seen und die Bergregionen tragen zur landschaftlichen Schönheit und Vielfalt bei. Die vielfältigen Lebensräume sorgen dafür, dass zahlreiche Tier- und Pflanzenarten in Baden-Württemberg beheimatet sind.

Buchenwald am Kaiserstuhl © Martin Strein

Lebensraumtypen in Baden-Württemberg

Die Wildtierlebensräume in Baden-Württemberg können grob in folgende Lebensraumtypen unterteilt werden. Einige Wildtierarten bevorzugen in ihrer Lebensraumwahl einen bestimmten Lebensraumtyp, andere wechseln zwischen mehreren Typen hin und her. Dabei können sich die Präferenzen im Tagesverlauf wie auch nach Jahreszeiten verschieben.

Verteilung der Flächennutzung in Baden-Württemberg © Wildtierbericht 2018

Wald

Die Wälder Baden-Württembergs bedecken die Landesfläche mit ca. 1,4 Millionen Hektar ca. 38 Prozent der Landesfläche. Es gibt Nadelwälder, Laubwälder und Mischwälder und alle stellen unterschiedliche Lebensräume für Wildtiere dar. Wälder haben oft ein stabiles, günstiges Mikroklima, bieten Nahrung und Deckung. Je strukturreicher Wälder gestaltet sind, desto vielfältigere Äsung und Kleinsthabitate stellen sie bereit. Auf den Wald spezialisierte Bewohner sind die Waldschnepfe, das Auerhuhn oder die Wildkatze. Wälder bieten großräumige Rückzugsgebiete für Wildtierarten wie dem Rothirsch oder dem Luchs. Waldbäume können insbesondere vom Schalenwild, wie dem Reh, dem Rothirsch, dem Mufflon, Sika- oder Damhirsch verbissen oder durch Schäle beeinflusst werden. Je nach waldbaulicher Zielsetzung können hier Wildschäden entstehen, aber auch positive Einflüsse durch den Wildeinfluss sind möglich. Viele Menschen nutzen den Wald als Erholungsort und verursachen meist unbewusst große Störungen bei den Wildtieren.

 

Offenland

Unter Offenland versteht man die Feldflur: Ackerland und Grünland. Fast die Hälfte der Landesfläche Baden-Württembergs wird landwirtschaftlich genutzt. Anders als Waldgebiete ist das Offenland geprägt von schnelleren Lebensraumveränderungen aus Sicht der Wildtiere. Saat und Ernteaktivitäten wechseln sich häufig mehrmals im Jahr ab. Feldfrüchte und Aufwuchshöhen variieren und unterliegen steten Veränderungen hinsichtlich Äsung, Deckung und Mikroklimata. Charakteristische Vertreter des Offenlandes sind das Rebhuhn, der Fasan, der Feldhase oder das Hermelin. In der Vergangenheit haben diese Tierarten von einer extensiven Landwirtschaft profitiert, die Äsungspflanzen in hoher Qualität wie Quantität bereitgestellt hat. Durch die Intensivierung der Landnutzung, hervorgerufen durch den ökonomischen Druck auf die Landbewirtschaftenden, verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Offenlandarten. Nahrungsangebot und Deckungsstrukturen gingen verloren und besonders die Bodenbrüter wie das Rebhuhn gingen als Verlierer aus dieser Entwicklung hervor. Durch den Verlust der Insektenvielfalt und –biomasse fehlt vielen Bodenbrütern wichtige Nahrung, die die Tiere anfälliger für schlechte Witterungsbedingungen, Krankheiten und Prädation durch Fressfeinden macht.

Wasser

Wasserflächen nehmen in Baden-Württemberg etwa 1,1 % der Landefläche ein. Die drei größten Flüsse Rhein, Neckar und Donau sind mit dem Main die schiffbaren Gewässer und zahlreiche andere kleinere Flüsse prägen das Landschaftsbild. Der Bodensee sowie eine Vielzahl an anderen Seen und Teichen sind ideale Lebenswohnorte von wassergebundenen Tierarten. Wasservögel wie die Krickente oder die Pfeifente überwintern an den Gewässern Baden-Württembergs. Auch zur Brutzeit finden sich viele Wasservögel ein, um ihre Jungtiere großzuziehen. Insbesondere dem Bodensee kommt eine wichtige Rolle für Brutgeschehen und Überwinterungsgebiet zu. Aber nicht nur Wasservögel suchen die Nähe des Wassers. Wildtierarten wie der Mink, die Nutria oder der Waschbär  kommen in diesen Gebieten vor. Auch das Wildschwein fühlt sich in ausgeprägten Schilfgürteln wohl. Die Gewässer sind wie die Landfläche stark durch den Menschen geprägt. Flussbegradigungen mit teilweise für Wildtiere unüberwindbaren Hindernissen und Veränderungen in der Gewässerstruktur waren häufige Eingriffe. Auch kommt den Gewässern eine besondere Rolle in der Ausgestaltung der Freizeitaktivitäten am und auf dem Wasser des Menschen zu, durch die Wildtiere gestört und verdrängt werden können.

Fels

Nur kleine Bereiche Baden-Württembergs sind von Felshabitaten geprägt. Diese finden sich im Alpengebieten und vereinzelt im Donautal, Odenwald oder Schwäbische Alb. Klassische Bewohner der Felsregionen sind die Gämsen, wobei diese auch in Waldgebieten natürlicherweise vorkommen. Die Tiere ziehen sich als Schutz vor Beutegreifern in die Felswände zurück. Auch der Wanderfalke nutzt die Felshabitate, auf Vorsprüngen nistet er und zieht seine Jungvögel auf.

 

Siedlung

Das Leben im Siedlungsbereich, sei es in suburbanen wie urbanen Lebensräumen, ist geprägt von der Nähe der Menschen und verlangt daher von den Wildtieren eine gewisse Anpassungsfähigkeit. Bereits seit langer Zeit leben Tierarten wie bspw. der Steinmarder in menschlicher Nähe und sogar in Gebäuden. Der Steinmarder wird im Volksmund daher auch „Hausmarder“ oder „Automarder“ genannt. Das Leben in der Stadt hat einige Vorteile zu bieten, der Tisch ist oft reichlich gedeckt und natürliche Feinde kommen oft nur in geringeren Dichten vor. Weiterhin werden Wildtiere im Siedlungsbereich nur in Ausnahmefällen bejagt. Das urbane Mikroklima ist milder als im Außenbereich und es gibt reichlich Deckung sowie Möglichkeiten der Jungtieraufzucht. Wildtierarten wie Rotfuchs, Wildschwein, Waschbär, Wanderfalke und Kanadagans haben gelernt, sich gut im Siedlungsbereich zurechtzufinden. Jedoch bleibt dies nicht ohne Mensch-Wildtier-Konflikte, wenn Mülltonnen geplündert oder Hausdämmungen oder Motorinnenräume zerstört werden. Wildtiere haben im Siedlungsbereich auch eine höhere Gefahr, Opfer von Verkehrsunfällen zu werden. 

artspezifische Lebensraumansprüche

Um sich wohlzufühlen, hat jede Wildtierart eigene Ansprüche an ihren Lebensraum, auch Habitat genannt. Grundlegende Ansprüche wie ausreichend Futter und Schutz vor Fressfeinden oder ungünstigen Witterungsbedingungen müssen erfüllt sein, dass sich eine Wildtierart gut entwickeln und in ihrem Bestand erhalten bleiben kann.  Weitere lokale Eigenheiten bestimmen, ob den Wildtieren geeignete Plätze zur Fortpflanzung und zur Jungtieraufzucht zur Verfügung stehen. Die Zusammenschau all dieser Faktoren wird Lebensraumausstattung genannt. Weiteren Einfluss auf diese haben ferner konkurrierende Arten, die Lebensraumzerschneidung oder -verschlechterung durch Straßen oder Siedlungen und die Flächenversiegelung, die Beunruhigung durch wirtschaftliche oder freizeitmäßige Nutzung durch den Menschen, die Intensivierung der Landnutzung mit folgenden Monokulturen, auftretende Krankheiten, ein möglicher Schadstoffeintrag oder klimatische Veränderungen. Diese können den Lebensraum so verschlechtern, dass die artindividuellen Lebensraumansprüche nicht mehr erfüllt werden können.

Totholz Wildtierlebensraum Wald

Strukturreichtum im Wald ist ein wichtiger Faktor im Wildtierlebensraum. © FVA

So bestimmen nicht nur allein der biologische Bauplan, z.B. ob es sich um einen Pflanzen- oder einen Fleischfresser handelt, die Lebensraumansprüche, sondern auch wie ausgefeilt und anspruchsvoll das Sozialleben der Tiere ist. Manche Tierarten benötigen spezialisierte Nahrung, wie z.B. das Rebhuhn, der Fasan oder das Auerhuhn, die in ihrer Jugendphase auf eine proteinreiche Insektennahrung angewiesen sind. Wasservögel wie die Reiherente oder die Stockente profitieren vom Vorkommen bestimmter Muschelarten oder der Eutrophierung von Gewässern. Weniger spezialisiert auf die Nahrung ist beispielsweise der Dachs; je nachdem was Saison hat, bedient er sich an tierischer oder pflanzlicher Nahrung.

Reiherentenpaar auf dem Wasser © PantherMedia / Rosemarie Kappler

Reiherentenpaar auf dem Wasser © PantherMedia / Rosemarie Kappler

Einige Tierarten sind sehr scheu oder störungsanfällig und benötigen ausgedehnte wenig beunruhigte Habitate wie z.B. die Wildkatze oder der Habicht. Der Rothirsch sucht gerne altangestammte Brunftplätze auf, um Paarungspartner zu finden und die Hohltaube nutzt für die Jungtieraufzucht bevorzugt verlassene Schwarzspechthöhlen. Ferner gibt es Unterschiede im Gruppenleben der Wildtiere. Marderartige wie der Baummarder oder der Steinmarder leben ganzjährig alleine, während das Wildschwein oder auch der Kormoran ganzjährig die Gesellschaft ihrer Artgenossen suchen. Graugänse gehen meist eine lebenslange Paarbindung ein, während der Feldhase die Gesellschaft eines Partners nur zum Paarungsakt duldet. Der Rotfuchs hingegen kann als Einzelgänger oder in kleineren Gruppen vorkommen, je nachdem wie viele Nahrungsressourcen sein Lebensraum bereitstellt.

Jungfüchse im Wald © PantherMedia / Janusz Pieńkowski

Jungfüchse auf dem Bau © PantherMedia / Janusz Pieńkowski

Spezialisten und Generalisten

Spezialisten vs Generalisten

Artspezifisch sind die Wildtierarten mehr oder weniger festgelegt auf ihre Lebensstrategien. Sind diese flexibler, so spricht man von anpassungsfähigen Generalisten; sind diese jedoch starrer, so spricht man von weniger anpassungsfähigen Spezialisten. Letztere haben es eher schwer, wenn sich die Lebensraumbedingungen verändern. Können sie nicht in geeignetere Gebiete ausweichen, finden sie nicht mehr das vor, was sie zum Leben benötigen. Vor allem bei auf eine festgelegte Ernährungsform festgelegten Tierarten kann es dann zu einer ungünstigen Entwicklung kommen. Finden die Küken von Rebhuhn, Fasan und Auerhuhn keine Eiweißnahrung mehr, überleben weniger die ersten Lebenswochen, der Bestand schwindet. Natürliche Schwankungen in der Mäusepopulation können spezialisierte Jäger wie das Hermelin in seinem Bestand beschränken. Auch die Jungtieraufzucht hat so ihre Tücken für den, der speziellere Bedürfnisse hat: Fehlen Bruthöhlen so findet die Hohltaube womöglich keine Brutmöglichkeiten. Wird es der Nutria zu kalt, überleben weniger Jungtiere und sie verschwindet regional. Fehlen Balzplätze trifft der Auerhahn keine Hennen, die Reproduktion bleibt aus.

Top-Generalisten: Fuchs, Reh und Wildschwein

Sehr anpassungsfähig ist beispielsweise der Rotfuchs, er besiedelt alle Lebensraumtypen und ist relativ flexibel in der Nahrungswahl, selbst Aas verschmäht er nicht und in der Stadt findet er allzu viele Reste, die die Menschen auf den Straßen zurücklassen. Er kann sich an die Nähe des Menschen gewöhnen und es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass er auch seine Welpen ganz in deren Nähe unter dem Gartenhaus oder im Schuppen aufzieht. Hier bildet er ausgedehnte Familienstrukturen aus, so dass der Lebensraum Stadt alles andere als eine Notlösung darstellt. Auch das Reh ist ein ausgesprochener Generalist. Zwar ist es relativ anspruchsvoll in seiner Nahrungswahl, leicht verdauliche proteinreiche Pflanzennahrung steht auf dem Speiseplan, dennoch kommt die Art in allen Waldtypen und im Offenland vor, auch in Siedlungsnähe kommt es vor. Das Wildschwein besiedelt weite Gebiete Baden-Württembergs und breitet sich immer mehr aus. Auch städtische Bereiche stellen für die intelligente Art kein Hindernis dar. Durch die Fähigkeit zu lernen und dieses Wissen an die Nachkommen weiterzugeben, kann es Gefahren durch den Menschen recht gut einschätzen und diese zu vermeiden.

Anpassungsfähigkeit zahlt sich aus

Anpassungsfähigkeit zahlt sich aus, denn ein Umschwenken auf alternative Nahrung oder Behausungen sowie die Fähigkeit in andere Gebiete auszuwandern, bewahren vor dem Aussterben. Die Anpassungsfähigkeit ist von Art zu Art verschieden und unterscheidet sich wiederum auch in ihrer spezifischen Ausprägung bezüglich Nahrung, Deckung und Reproduktionsverhalten. Der Rothirsch, ursprünglich eine Art der halboffenen Parklandschaften, kann sein erlerntes Wissen an eine größere Gruppe weitergeben und kommt heute mit seinem Hauptvorkommen in Waldbereichen gut zurecht. Er hat gelernt, menschlichen Gefahren einzuschätzen und sich durch Anpassungen in seiner Raumnutzung diesen zu entziehen. Anpassungsfähige Wildtiere haben gelernt, dass es sich in der menschlichen Nähe gut leben lässt. In den städtischen Bereichen ruht die Jagd und der Stadtlebensraum bietet reichlich Rückzugsorte. Gänse wie Nilgänse oder Kanadagänse schätzen die Äsungsmöglichkeiten in städtischen Parks oder Liegewiesen öffentlicher Schwimmbäder, meist zum Leid der Bevölkerung. Der Wanderfalke brütet seine Jungtiere in künstlichen Nestern auf Kirch- oder Funktürmen aus; die natürlichen Felshabitate schwinden und er ist in der Lage auf Alternativen auszuweichen. Im Gegensatz zum Baummarder, der gerne im Wald bleibt, ist der Steinmarder ein absoluter Kulturfolger, der durch menschliche Aktivität und die menschliche Nähe profitiert.

Wildtiermanagement und Lebensräume

In allen Lebensräumen können menschliche Ansprüche und biologische Wildtierbedürfnisse auf einandertreffen und mitunter auch kollidieren. Im Wald können forstliche Holzproduktion oder Erholungsaktivitäten die Lebensräume von Wildtieren verkleinern oder verschlechtern. In einer Agrarlandschaft sind Nahrung und Deckungsmöglichkeiten in den letzten Jahren rückläufig. Sowohl im Wald wie auch in der Offenlandschaft können Wildtiere wie der Rothirsch bzw. das Wildschwein durch ihre (Fraß-)Aktivitäten Schäden an Baumverjüngung bzw. Grünland hervorrufen. Im Siedlungsbereich, wo Mensch und Wildtier besonders nah aufeinandertreffen, können Mensch-Wildtier-Konflikte an Gebäuden, Autos, Gärten oder Grünanlagen entstehen. Zahlreiche Projekte widmen sich diesen Themen und haben zum Ziel die Lebensbedingungen für Wildtiere zu verbessern und die bestehenden Mensch-Wildtier-Konflikte zu befrieden. 

 

zum Projekt Wildtiere in der Stadt

Um einen Ausgleich zwischen Mensch- und Wildtierinteressen zu erreichen, ist ein professionelles Wildtiermanagement förderlich. Mit Werkzeugen wie dem Forstlichen Gutachten kann der Wildeinfluss bestimmt werden, und der Abschuss zur Regulation des Schalenwildes angepasst werden.

zum Forstlichen Gutachten

Die Allianz für Niederwild, ein breites Bündnis von Akteuren in der Agrarlandschaft, kann in Sachen Lebensraumgestaltung für den Erhalt der Niederwildarten und Förderung der Biodiversität im Of-fenland positiv beitragen. Touristische Lenkung, wie beispielsweise die temporäre Sperrung der Schilfbereiche oder bestimmter Felsen zum Schutz der Jungtieraufzucht, kann dazu beitragen, dass die Tiere während der Brut- und Aufzuchtzeit ungestört bleiben.

zum Projekt Allianz für Niederwild

Eine zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit kann über ein konfliktarmes Miteinander im Siedlungsbereich und präventive Maßnahmen informieren. Insbesondere gefährdete Wildtierarten, wie die Wildkatze, der Luchs und das Rebhuhn sind auf die Vernetzung zwischen einzelnen Vorkommen angewiesen, hier kommt der Biotopvernetzung, die im Generalwildwegeplan verankert wurde, eine übergeordnete Rolle zu.

zum Generalwildwegeplan

Für eine Tierart ist nicht nur die Fläche des geeigneten Lebensraumes von Bedeutung, sondern auch wie dieser räumlich verteilt und in landschaftsökologische Zusammenhänge eingebunden ist. Wo welche Wildarten in welcher Dichte leben können, wie der Austausch zwischen Teilpopulationen möglich ist und wie das Wirkungsgefüge zwischen Tierarten, Pflanzengesellschaften und dem Menschen aufgebaut ist, hängt in erster Linie von der Qualität des Wildtierlebensraumes, der Lebensraumausstattung, ab.

zum Forschungsprojekt Wildtierökologische Landschaftstypen

Fasanenhähne auf Ackerland © Martin Strein

Lebensraumverbund für Wildtiere

Mobilität ist ein elementares (Über-) Lebenserfordernis von Wildtieren. Nur so können Wildtiere ihre artspezifischen Lebensbedürfnisse erfüllen und ihren Fortbestand sichern. Viele Wildtiere bzw. deren Populationen benötigen große Lebensräume und wandern oft über weite Distanzen. In den weitgehend unzerschnittenen Großlandschaften Europas bis zur Industrialisierung konnten sich Wildtiere weiträumig „barrierefrei“ bewegen und bildeten ausreichend große Populationen mit hoher genetischer Vielfalt. Genetische Vielfalt erhöht die Vitalität und Resilienz und ist eine wichtige Voraussetzung für die langfristige Überlebensfähigkeit einzelner Populationen.

Heute sind ausgedehnte Naturräume in Mitteleuropa selten. Die Kulturlandschaft ist nach einem tiefgreifenden Wandel stark fragmentiert, zersiedelt, intensiv genutzt und vielfältig beunruhigt. Neben einer teilweise gezielten Verdrängung einzelner Arten führt dies zu einer extremen Beeinträchtigung der Ausbreitungs- und Bewegungsmöglichkeiten von Tieren und in der Folge nicht selten zu erheblichen Bestandsrückgängen. Eine direkte Folge der Zerschneidung ist u.a. die enorme verkehrsbedingte Straßenmortalität von Wildtieren. Für viele Tierarten, gerade seltene, sind Wildunfälle mit Abstand die häufigste Todesursache.

Wildunfälle und Präventionsmaßnahmen

liegendes Totholz

liegendes Totholz © Carolin Wilhelm

Mit dem Verlust ausgedehnter Lebensräume und der Isolation der verbliebenen Teillebensräume ist eine Ausweisung von Wildtierkorridoren erforderlich geworden. Diese sollen wenigstens eine Ausbreitung zum Zwecke der Neu- und Wiederbesiedelung sowie Ab- und Zuwanderungen für einen ausreichenden genetischen Austausch gewährleisten. Außerdem ermöglichen sie Wildtieren die Erfüllung weiterer wichtiger ökosystemarer Funktionen im Lebensraumsystem, wie bspw. ihre Eigenschaften als Habitatbildner oder Ausbreitungsvektor für andere Arten. Die Reduzierung ehemals flächig ausgedehnter Landschaftsfunktionen auf vorrangig definierte Wildtierkorridore macht den Lebensraumverbund selbst zum ökologischen Minimalkonzept. Die Etablierung eines funktionalen Lebensraumverbunds zählt deshalb heute zu den dringlichsten Aufgaben des Naturschutzes und zielt nicht nur auf eine Wiedervernetzung an Verkehrsbarrieren ab, sondern auch auf eine ausreichende (Rest-) Durchlässigkeit der Landschaft.

Die Wildtierkorridore bilden zusammen mit größeren Waldgebieten sowie weiteren Lebensräumen und Schutzgebieten die „ökologischen Hauptschlagadern“ in einer Landschaft. Daran knüpfen kleinräumigere Biotopverbundsysteme an, um ein funktionales Ineinandergreifen überregionaler, regionaler und lokaler ökologischer Verbundbeziehungen zu gewährleisten.

Zerschneidung des Lebensraums © Martin Strein

Zerschneidung des Lebensraums © Martin Strein