Rotwild ist das größte heimische Säugetier in Baden-Württemberg. Durch seine Größe, die soziale Lebensweise und dem daraus resultierenden hohen Raum- und Nahrungsbedarf entstehen jedoch auch Konflikte mit den Interessen der Land- und Forstwirtschaft. Übergeordnete Ziele für das Rotwildmanagement in Baden-Württemberg sind es, einen gesunden Rotwildbestand zu erhalten und Interessenkonflikte zu reduzieren.
Rotwildmanagement in BW
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Weiterentwicklung des Rotwildmanagements in Baden-Württemberg
Um die Rotwildgebiete Baden-Württembergs zukünftig besser zu vernetzen und gleichzeitig Konflikte mit dem Waldumbau und den Interessen der Grundbesitzenden zu entschärfen, wird das Rotwildmanagement aktuell weiterentwickelt. Als erster Schritt wurde 2026 das Abschussgebot für wandernde, männliche Rothirsche außerhalb der Rotwildgebiete aufgehoben. Im Rahmen des Projekts „Populationsverbund Rotwild“ beobachtet die FVA die Entwicklung und begleitet den Prozess fachlich. Gleichzeitig wurde eine interministerielle Arbeitsgruppe Rotwild (AG Rotwild) mit Vertreterinnen und Vertretern der betroffenen Akteursgruppen ins Leben gerufen. Aufgabe dieser Arbeitsgruppe ist es, aktuelle Herausforderungen zu diskutieren und Vorschläge für die Weiterentwicklung des Rotwildmanagements im Land zu erarbeiten.
Die baden-württembergischen Rotwildgebiete (dunkelrot) sowie Rotwildvorkommen in Nachbarländern (rot). © FVA
Forschungsprojekte
Populationsverbund Rotwild (2025-2028)
Die genetische Situation des Rotwildes ist aktuell ein bundesweites Thema. In vielen deutschen Rotwildgebieten hat die genetische Vielfalt abgenommen. Um diesem Negativtrend entgegenzuwirken, ist eine bessere Vernetzung der Rotwildvorkommen inner- und außerhalb von Baden-Württemberg notwendig. Vor dem Hintergrund des klimawandelbedingten Waldumbaus, der hohen Infrastrukturdichte, vielfältigen Landnutzungsinteressen und einem relativ geringen Ausbreitungspotential der Rotwildbestände bei waldbaulich tragbaren Wilddichten stellt diese Vernetzung eine besondere Herausforderung dar. Übergeordnetes Ziel des Projekts ist es, wissenschaftliche Grundlagen für eine zielgerichtete Vernetzung der Rotwildvorkommen in BW zu erarbeiten und in die Fläche zu bringen.
Das Projekt wird im Zeitraum 2025 bis 2028 durchgeführt und besteht aus drei Modulen:
Modul 1 - Managementinstrumente zur Förderung der Vernetzung
Eine bessere Vernetzung der Rotwildvorkommen unter Vermeidung negativer Entwicklungen, insbesondere einer Gefährdung des klimawandelbedingten Waldumbaus, ist eine herausfordernde Aufgabe. Ziel des Moduls ist es, etablierte Managementinstrumente zu bewerten und neue zu entwickeln, die den Austausch zwischen den Teilpopulationen fördern und gleichzeitig ungewünschte Entwicklungen vermeiden. Hierbei spielt die Akzeptanz und Umsetzung der Maßnahmen durch die beteiligten Waldbesitzer und Jäger eine tragende Rolle. Bei der Planung und Umsetzung der Maßnahmen werden alle beteiligten Interessengruppen daher intensiv miteinbezogen.
Modul 2 - Identifizierung geeigneter Verbundkorridore
Für die Vernetzung der Rotwildvorkommen ist der Generalwildwegeplan eine wichtige Grundlage. Hierauf aufbauend werden geeignete Verbundkorridore zwischen den Rotwildgebieten ermittelt. Gleichzeitig werden bestehende Barrieren und Engstellen erfasst, um daraus Maßnahmen zur Verbesserung der Landschaftsvernetzung abzuleiten.
Modul 3 - Entwicklung eines Monitoringkonzepts
Für die kontinuierliche Anpassung des Rotwildmanagements an sich ändernde Gegebenheiten und für die Zielkontrolle sind fundierte Daten notwendig. Um diese bereitzustellen wird ein Monitoringkonzept entwickelt und erprobt, das die Grundlage für ein zielgerichtetes und konfliktarmes Rotwildmanagement in Baden-Württemberg bilden soll. Grundlage hierfür sind u.a. Informationen zu den Rotwildvorkommen, deren Dichte und Populationsstruktur, zur körperlichen Verfassung der Tiere, zu deren Auswirkungen auf die Waldentwicklung (insbesondere Schälschäden) sowie zur Wirksamkeit der umgesetzten Vernetzungsmaßnahmen.
AG Rotwild
Um die gesteckten Ziele zu erreichen hat das Ministerium Ländlicher Raum eigens die AG Rotwild gegründet, um mögliche Maßnahmen und die Umsetzung der Maßnahmen eng mit den Beteiligten abzustimmen.
Weiterentwicklung des Rotwildmanagements in BW auf wissenschaftlichen Grundlagen (2020-2023)
Das Projekt hatte das Ziel, wissenschaftliche Grundlagen für die Weiterentwicklung des Rotwildmanagements in Baden-Württemberg zu erarbeiten und zukünftige Handlungsoptionen daraus abzuleiten. Durch die vielschichtigen ökologischen, räumlichen, genetischen als auch gesellschaftlichen Aspekte wurde das Projekt auf fünf Modulen aufgebaut.
Modul 1 – Aktuelle Rotwildverbreitung und Populationsentwicklung
In diesem Modul wurde untersucht, wo Rotwild in Baden-Württemberg aktuell vorkommt und wie sich die Bestände räumlich und zeitlich entwickeln. Damit wurde eine wichtige Grundlage geschaffen, um Veränderungen in der Verbreitung besser zu erkennen und die Entwicklung der Populationen fundiert einordnen zu können. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Rotwild vor allem in und am Rand von Rotwildgebieten vorkommt und sich Bestände innerhalb dieser Räume unterschiedlich entwickeln.
Modul 2 – Populationsverbund und genetische Diversität
Dieses Modul befasste sich mit der genetischen Diversität innerhalb der Rotwildgebiete sowie dem genetischen Austausch zwischen diesen. Ein zentrales Ergebnis ist, dass für einen gesunden und stabilen Rotwildbestand die genetische Diversität erhöht werden muss, um die Anpassungsfähigkeit der Population an sich verändernde Umweltbedingungen auch in Zukunft zu gewährleisten. Die Projektergebnisse weisen damit die Bedeutung von Austauschmöglichkeiten zwischen den Gebieten und von Maßnahmen, die Wanderbewegungen erleichtern hin. Der gesetzlich im Jagd- und Wildtiermanagementgesetz verankerte Generalwildwegeplan kann hierbei ein wichtiges Mittel sein.
Modul 3 – Lebensraumbewertung und Populationsmodellierung
Im dritten Modul wurden die Eignung der Lebensräume sowie mögliche räumliche und zeitliche Entwicklungen der Rotwildbestände analysiert. Dabei zeigte sich, dass neben der reinen Fläche vor allem die Qualität und Vernetzung der Lebensräume entscheidend sind. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Lebensraumzerschneidung, Infrastruktur, Nutzungskonflikte und die Distanzen zwischen den Gebieten die Entwicklung der Rotwildpopulationen wesentlich beeinflussen.
Modul 4 – Einstellung, Bewertung von Chancen, Risiken und Managementinstrumenten
Dieses Modul richtete den Blick auf die Sichtweisen der Menschen sowie auf die Bewertung von Chancen, Risiken und möglichen Managementinstrumenten durch die verschiedenen Akteure. Hier wurde deutlich, dass Rotwildmanagement nicht nur eine fachliche, sondern auch eine kommunikative und organisatorische Aufgabe ist. Die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven ist wichtig, um Maßnahmen praxisnah und tragfähig umzusetzen.
Modul 5 – Handlungsoptionen
Auf Basis der vorangegangenen Analysen wurden im Modul 5 konkrete Handlungsoptionen entwickelt. Diese berücksichtigen sowohl biologische und räumliche Anforderungen als auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Rotwildmanagements. Ein zukunftsfähiges Management kann nur im Zusammenspiel aus Monitoring, funktionierende Hegegemeinschaften, Lebensraumverbesserung, genetischer Vernetzung, abgestimmten Managementinstrumenten und guter Zusammenarbeit gelingen.
Das Projekt startete Mitte 2020 und hatte eine Laufzeit von drei Jahren.
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Rotwildkonzeptionen
Was sind Rotwildkonzeptionen?
Rotwildkonzeptionen bilden die Grundlage für ein zukunftsfähiges Rotwildmanagement in Baden-Württemberg. Sie stützen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und verbinden ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Anforderungen einer Region. So zeigen sie Wege für einen ausgewogenen Umgang mit Rotwild auf.
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Rotwildkonzeption Südschwarzwald
Die Rotwildkonzeption Südschwarzwald verfolgt das Ziel, den Umgang mit Rotwild so zu gestalten, dass die Interessen von Natur, Jagd, Tourismus sowie Land- und Forstwirtschaft miteinander in Einklang gebracht werden. Ausgangspunkt waren wissenschaftliche Grundlagen und eine räumliche Gliederung des Rotwildgebiets in Kern-, Übergangs- und Randbereiche sowie Wildruhe- und Beobachtungsbereiche. Zudem erfolgt eine stetige enge Abstimmung mit den beteiligten Akteuren die sich seit Projektbeginn im Rahmen einer Arbeitsgruppe austauschen und die Konzeption kontinuierlich anpassen.
Kernelemente der Rotwildkonzeption Südschwarzwald sind gemeinsam getragene Ziele sowie die Entwicklung und anschließende Umsetzung von mehreren Maßnahmen. Dazu gehörten beispielsweise angepasste Jagdzeiten und Jagdmethoden sowie eine räumliche Zonierung, mit der Grundbesitzende ihre Ziele vor Ort unterschiedlich gewichten können. Aufgebaut wurde diese auf Kern-, Übergangs- und Randbereichen sowie Wildruhe- und Beobachtungsbereiche. In den Übergangsbereichen steht beispielsweise die forstwirtschaftliche Nutzung im Vordergrund, während das Rotwild tagsüber in Wildruhebereichen Rückzugsorte findet, in denen es keine Schäden verursacht. Die Evaluation im Jahr 2018 zeigte eindrücklich, dass Rotwildmanagement auf wissenschaftlicher Basis und im Ausgleich unterschiedlicher Interessen gelingen kann.
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- Zur Broschüre Rotwildkonzeption Südschwarzwald (2008)
- Zur Broschüre Rotwildkonzeption Südschwarzwald – Umsetzung und Weiterentwicklung (2018)
Rotwildkonzeption Nordschwarzwald
Im Rahmen der Rotwildkonzeption Nordschwarzwald wurde ein wissenschaftlich fundiertes und gleichzeitig praxistaugliches Rotwildmanagement für den Nordschwarzwald entwickelt. Ziel ist es, die Bedürfnisse von Rotwild, Waldbewirtschaftung, Jagd, Naturschutz und Grundeigentum im größten Rotwildgebiet BWs besser miteinander in Einklang zu bringen. Im Mittelpunkt steht dabei ein abgestimmter Plan, der auf ökologischen Grundlagen, den regionalen Gegebenheiten und den Perspektiven der beteiligten Akteure basiert.
Grundlage der Konzeption sind mehrere Forschungs- und Beteiligungsbausteine, unter anderem zum Rotwildvorkommen, Lebensraum, Wildschäden und den Sichtweisen der Menschen vor Ort. Begleitend fanden regionale Austauschformate und Informationsveranstaltungen statt, um die unterschiedlichen Interessen frühzeitig einzubeziehen.
Als Ergebnis des Projekts liegen eine umfassende Konzeption sowie ein Kurz- und Projektbericht vor. Sie bündeln die naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse und zeigen auf, wie das Rotwildmanagement im Nordschwarzwald künftig fachlich fundiert und konsensorientiert weiterentwickelt werden kann. Ein wichtiges Anliegen ist dabei, Wildschäden auf ein für die Land- und Forstwirtschaft vertretbares Maß zu begrenzen und zugleich geeignete Lebensräume und Ruhebereiche für das Rotwild zu sichern.
Die Rotwildkonzeption Nordschwarzwald bildet damit eine Grundlage für ein langfristig tragfähiges Miteinander von Wild, Wald und Mensch.
Gewichtung der Aktivitäten und Ansprüche der verschiedenen Akteursgruppen und des Wilds in den unterschiedlichen Zonen der Rotwildkonzeption Nordschwarzwald. © FVA
Weitere Informationen zum Rotwildmanagement in BW
Gesetzliche Rahmenbedingungen